Meister: Neue Anforderungen an Qualifikation

Am Anfang des zweiten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert ist die Industrie der Jobmotor Deutschlands. Ein Bild, an das wir uns gern gewöhnen, das jedoch noch in den ersten Jahren nach 2000 nicht denkbar war. Denn seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden in der Industrie ungeheuer viele Arbeitsplätze abgeschafft.

Damals dachten viele, die sich mit der Zukunft beschäftigen, Industrie habe keine Zukunft in Deutschland. Die Dienstleistungsgesellschaft war geboren.

Tatsächlich jedoch wurden in allen Rationalisierungsschüben nur solche Arbeitsplätze vernichtet, die sich mit einfach ersetzbaren Tätigkeiten und veralteten Verfahrenstechniken beschäftigten. Niemand rechnete damals damit, dass sich die Industrie über ein enormes Innovationstempo zu neuer Stärke entwickeln könnte. Ein Erfolgsfaktor dabei war, dass die Produktionseliten, Facharbeiter und Meister, dieses Tempo mitgehen konnten.

Dabei haben sich Arbeitsbereiche und Anforderungen grundlegend gewandelt: Neben dem Gebot, fachliche Qualifikation im Betrieb und außerhalb des Betriebes laufend zu erneuern, kommen auf Fachkräfte in der Industrie mehr Koordinierungs-, Führungs- und Entwicklungsaufgaben zu. Der Grad der Jobtiefe und Entscheidungskompetenz ist deutlich höher als noch vor 10 Jahren. Neben rein fachlichen Qualitäten sind zunehmend Fähigkeiten aus dem Bereich so genannter „Soft Skills“ gefordert.

Neue Meister braucht das Land!

Der Meister stammt aus der Handwerkstradition: Im Rahmen der Zünfte hatte er weitgehende Machtbefugnisse: fachliche Hoheit über Ausbildung und Fertigung, Recht sprechende Kompetenzen in seinem Fach und die maßgebliche Position in Konstruktion, Forschung und Entwicklung.

Auch in der industriellen Produktion waren zunächst noch Meister gefragt, die neue Verfahren und Produkte mit entwickelten, ihre Produktionsreife aktiv förderten. Doch in der letzten Rationalisierungswelle stand immer öfter die Position des Industriemeisters zur Disposition. Denn für in Einzelprozesse an Maschinen zerlegte Produktion brauchte man kaum einen Meister. In einem funktionierenden Hierarchiegefüge spielte der Meister nur noch eine Rolle als Ausbilder, disziplinarischer Vorgesetzter und Vermittler zwischen der hierarchischen Ebene der Ingenieure und Techniker und den Maschinenbedienern. Der Meister als höchste fachliche Instanz mit Entscheidungskompetenz war nicht mehr gefragt. Viele gingen davon aus, dass sich die Meisterposition in der Industrie überlebt hat.

Doch das Gegenteil trat ein:
1. Meister wurden gebraucht und missbraucht als Vermittler von betrieblichen Veränderungen gegenüber Facharbeitern und Arbeitern.

2. Meister stärkten ihre Position, indem sie permanent neue Aufgaben und höhere Arbeitsbelastung auf sich nahmen.

Inzwischen werden Fertigungsprozesse nicht mehr kleinteilig zergliedert, Produktionsstufen und Teilfertigungen sind stärker zusammengeführt. Von der Idee, Meister durch Ingenieure zu ersetzen, ist nichts geblieben. Meister haben entgegen dem traditionellen Verständnis ihrer Rolle viele neue Aufgaben hinzugewonnen.

Zu den neuen Aufgaben gehören:

  • Kapazitäts- und Personalplanung
  • Fertigungsstand
  • Ablaufoptimierung
  • Mitwirken an neuen Produktionsplänen
  • Investitionen, Kostenvergleichsrechnungen bei Neuentwicklungen
  • Organisationsanpassung
  • Planung Instandhaltung
  • Personalführung, Personalentscheidungen
  • Übersetzen und Anpassen von Produktionsvorgaben, Bindeglied zwischen Konstruktion und Fertigung
  • Fehlersuche und Fehlervermeidung
  • Planung von Aus- und Weiterbildung

Meister sind heute in vielen Betrieben nur noch zu 5%-10% direkt in der Produktion tätig. Sie verbringen 50%-80% ihrer Arbeitszeit mit Arbeit an Kommunikations- und Informationssystemen und in Gesprächen. Meister bilden ganz klar die Führungsebene in der Produktion.

Von Meistern wird viel erwartet. Im Gegensatz zu früher beweisen sie heute ihre Kompetenz vornehmlich bei

  • Einarbeiten in neue Aufgaben
  • Flexibilität in der Problemlösung
  • Kommunikation
  • Umgang mit EDV-Hardware und -Software
  • Führungsaufgaben

Meister tragen in der Regel höhere Verantwortung als im Rationalisierungszeitalter. Ihnen wird mehr Entscheidungskompetenz zuerkannt und abverlangt.

Soft Skills

Der Begriff bezeichnet eine ganze Reihe von menschlichen Eigenschaften, Fähigkeiten und Persönlichkeitszügen, die im Beruf und in der beruflichen Position nötig oder förderlich sind. Dazu werden gezählt:

  • Umgangsformen
  • Höflichkeit
  • Freundlichkeit
  • Motivation
  • Disziplin
  • Sprachliche Kompetenz
  • Selbstständigkeit
  • Teamfähigkeit
  • Führungsqualitäten wie
    • Verantwortung übernehmen
    • Initiative ergreifen
    • sich durchsetzen
    • Konflikte lösen

Soft Skills lassen sich nach Kategorien einteilen:

  • erlernbare (zum Beispiel Redekunst)
  • kaum erlernbare (zum Beispiel Witz, Humor, Schlagfertigkeit)
  • äußerliche (zum Beispiel Stil, Kleidung, Auftreten)
  • innerliche (zum Beispiel Motivation, Offenheit)
  • globale (Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft)
  • interkulturelle (Sprachenkenntnis, Toleranz, Einfühlungsvermögen, Unterschiede berücksichtigen)
  • regionale/lokale (Mentalitätsunterschiede berücksichtigen, Mundart)

Soft Skills werden immer öfter als entscheidende Einstellungs- und Beförderungskriterien herangezogen.