Kreativ leben – nähren Sie Ihre Muse!

Wer schöpferisch arbeitet, muss auch dafür sorgen, dass er schöpfen kann. Wir bewegen uns zu großen Teilen unseres Lebens in Tretmühlen, die kaum Raum und Zeit zur Besinnung lassen. Wir müssen funktionieren. Wir müssen effizient sein. Wir müssen ergebnisorientiert arbeiten. Muse kommt aber nicht von müssen. Wie kann uns die Muse küssen, wenn wir nicht ab und zu müßig gehen?

Wie man die Muse anlockt, sie hält und nährt, ist Thema des amerikanischen Schriftstellers Ray Bradbury, dem Autor von Fahrenheit 451. In seinem Buch „Zen in der Kunst des Schreibens“ schreibt er darüber:

„Die, die sich am meisten bemühen, verjagen sie. Der dagegen, der ihr den Rücken zuwendet und vor sich hin pfeifend dahinschlendert, hört ihren leisen Schritt hinter sich, wie sie ihm, angelockt durch mühsam antrainierte Missachtung, folgt. “ (1)

Wer ist dieses zarte und flüchtige Geschöpf, dem man mühsam antrainierte Missachtung entgegen bringen muss, damit es kommt und bleibt. Die Muse – in der griechischen Mythologie spricht man von 9 Musen, allesamt Töchter des Zeus – ist unser Fundus, aus dem wir Neues schöpfen. Für Bradbury ist die Muse identisch mit dem Unbewussten:
„Was für alle Welt das Unbewusste, ist im kreativen Sinne für den Schriftsteller die Muse.“ Das leuchtet ein, denn woraus schöpfen wir, wenn nicht aus uns selbst? Um unsere kreativen Kräfte zu aktivieren und zu nähren bedarf es auch einer kreativen Lebensführung. Das bedeutet, wir müssen in Kontakt mit unserem Unbewussten sein.
Wir pflegen Kontakte mit Hinz und Kunz, aber für den Kontakt mit uns selbst, mit unserem inneren Künstler, fehlt uns die Zeit.

Julia Cameron empfiehlt in ihrem Buch „Der Weg des Künstlers“ die regelmäßige Abhaltung von Künstlertreffs. Gemeint ist damit nicht, dass wir andere Künstler zum Gedankenaustausch treffen. Gemeint ist die verbindliche Verabredung zu einem Treffen mit uns selbst.

„Ein Künstlertreff ist ein bestimmter Zeitraum, vielleicht zwei Stunden pro Woche, den Sie sich freihalten und der dazu dient Ihren inneren Künstler zu nähren. (.) Sie nehmen niemanden auf diesen Künstlertreff mit, außer sich selbst und Ihren inneren Künstler, auch bekannt als Ihr kreatives Kind. (.) Zeit mit Ihrem Künstlerkind allein zu verbringen, ist wesentlich. (.) Einen langen Spaziergang auf dem Lande, eine einsame Expedition an den Strand, um einen Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang zu beobachten, einen Abstecher in eine fremde Kirche, um Gospelmusik zu hören (. )all das könnte Ihr Künstler genießen. Oder es könnte sein, dass Ihr Künstler gerne kegeln geht. (.) Lernen Sie vor allem, dem zuzuhören, was Ihr Künstlerkind über diese gemeinsamen verbrachten Ausflüge zu sagen hat. Zum Beispiel könnte Ihr Künstler ausrufen: “ Oh, ich hasse dieses ernsthafte Zeug,“, wenn Sie darauf bestehen, ihn zu Erwachsenenplätzen mitzunehmen, die kulturell erbaulich und gut für ihn sind.“ (2)

Es kommt bei Ihrem Künstlertreff nicht darauf an, wie kulturell hoch stehend und erbaulich die Unternehmungen sind, es kommt auf die Qualität des Kontakts an.

Ray Bradbury empfiehlt als Musennahrung das tägliche Lesen eines Gedichtes. Auch Essays und Bücher, die den Sinn für Farben, Formen, Maße und die menschlichen Sinne wie Gehör- und Geruchssinn schärfen, sind für Bradbury feinste Musennahrung.

Ob Kegeln oder Poesie – welche Nahrung für Ihre Muse die beste ist, kann Ihnen niemand sagen. Schließlich ist es Ihr eigenes Unbewusstes, dass nach Nahrung verlangt, und das keinem anderen gleicht. „Die Ernährung der Muse, . ist in meinen Augen also die ständige Suche nach dem, was man liebt“, meint Ray Bradbury (3). Finden Sie heraus, was Ihre Muse stärkt und nährt, finden Sie heraus, was Sie lieben. Denn wie der Psychoanalytiker C.G. Jung sagt: „Neues entsteht nicht durch den Intellekt, sondern durch den Spielinstinkt, der aus innerer Notwendigkeit agiert. Der kreative Geist spielt mit den Objekten, die er liebt.“

(1+3) Ray Bradbury: Zen in der Kunst des Schreibens, Berlin, Autorenhaus Verlag, 2003
Quelle: Fernlehrgang „Kreatives Schreiben“, Hamburger Akademie für Fernstudien, Lehrheft 12, Seite 31
(2) Julia Cameron: Der Weg des Künstlers, Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München 2000, S. 47 ff

 

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