Physiologische Grundlagen – Der weite Weg vom Kopf auf das Papier

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Der exzentrische Maler und Schriftsteller Francis Picabia formulierte diesen Leitsatz 1922 für seine Kunst und sein Leben. Als Allroundkünstler machte er seinem Lebensmotto alle Ehre.

Ja, unser Kopf eine runde Sache! In seinem Inneren befinden sich jedoch 2 Hälften: die linke und die rechte Gehirnhälfte. Diese beiden spielen sich bei all unseren Tätigkeiten und Lebensäußerungen die Bälle zu. Es herrscht also ein munteres Hin und Her wie beim Fußball. Im besten Fall ist es ein wunderbares Mannschaftsspiel, ein Geben und Nehmen, ein Ping und Pong, ein Yin und Yang. Wenn es allerdings schlecht läuft, sehen wir ein erbärmliches Gebolze mit vielen Fouls.

Während links das logisch-kausale Denken, das begriffliche Denken und das Sprachzentrum zu Hause sind, gilt die rechte Hirnhälfte als Ort der Assoziationen, der ganzheitlichen Wahrnehmung, der Intuition und Empfindungen. Damit qualifiziert sie sich als die eigentlich kreative Seite. Von hier bezieht der Autor seine Wortbilder, den Sprachrhythmus und den emotionalen Zugang zu seinem Thema. Für das Verknüpfen der emotionale Sprachbilder nach den Regeln der Kunst und Grammatik ist allerdings die linke Hirnhälfte zuständig. Beim Schreiben brauchen und gebrauchen wir also beide Hemisphären.

„Ohne dass wir es merken, laufen bei der Arbeit am Text Milliarden von Impulsen zwischen den beiden Gehirnhälften hin und her. In Bruchteilen einer Sekunde werden sie in der einen Gehirnhälfte, meist der kreativen rechten, entworfen, in der rationalen linken analysiert, mit gespeichertem Vorwissen abgeglichen und emotional bewertet. “ (1)

So beflügeln und befördern sich beide Hälften zum großen Ganzen. Sie können sich allerdings auch blockieren und gegenseitig behindern. Während man nach einer Idee sucht, meldet sich der linke Besserwisser ständig mit hämischen oder abfälligen Bemerkungen wie „Nicht besonders originell!“ und „Hatten wir das nicht schon mal?“ zu Wort. Und während man einen Satz wie diesen niederschreibt, der im Großen und Ganzen in Ordnung ist, kommt die Oberzensurbehörde mit ständig neuen und vermeintlich besseren Vorschlägen, Vorschriften und Fragen daher. Wie schreibt man eigentlich „im Großen und Ganzen“? Während die rechte Hirnhälfte nur spielen will, wird sie von der linken ermahnt, gemaßregelt und zur Ordnung gerufen.

Beim Schreiben müssen wir also “ wie Jongleure verschiedene Bälle gleichzeitig und mit gleichem Erfolg in der Luft halten: fachliches Know-how, logisches Denken, kommunikative Kompetenz, Stilgefühl, Liebe zum Detail und Überblick über das Große und Ganze, grammatikalische Präzision, korrekte Zeichensetzung. Die Fülle der Anforderungen, Assoziationen und Informationen, die beim Schreiben auf uns einstürmt, führt leicht zur Reizüberflutung und dem Gefühl, ständig überfordert zu sein. Wenn im Kopf zu viel abläuft, besteht die Gefahr, dass schließlich gar nichts mehr geht. Die Folge sind Blockaden und Schreibstörungen . (2)

Wenn Sie schreiben wollen, sollten Sie sich nicht unbedingt vertiefter mit den neurophysiologischen Grundlagen des Schreibens beschäftigen. Das Wissen darum kann phantasiebegabte Menschen geradewegs in die Schreibblockade treiben. Vielleicht nur so viel: Eine Schreibblockade ist Ausdruck dafür, dass das Gehirn Rationalität und Emotionalität nicht in Einklang bringen kann. Die schriftliche Umsetzung scheitert bisweilen an der Fülle des Erdachten und Gefühlten. Wenn Sie also vor Ihrem leeren Blatt sitzen und keinen Anfang finden, dann liegt das so gut wie nie daran, dass Ihnen nichts einfällt, sondern dass Ihnen zu viel einfällt. Es gibt viele Tricks und Techniken, um Schreibhemmungen, Schreibstörungen oder „Einfallslosigkeit“ zu verhindern und das Schreiben in Fluss zu bringen. Jeder Autor entwickelt im Lauf seines Schreiber-Lebens seine persönlichen Strategien. Vielleicht haben Sie auch ein persönliches Rezept, um Ihr Schreiben in Gang zu bringen oder im Fluss zu halten.

Lesen Sie: Was tun, wenn das Schreiben stockt?

(1,2) Doris Märtin: Erfolgreich texten! Weyarn (Seehamer Verlag) 2000, S. 80
Quelle: Kreatives Schreiben, Hamburger Akademie für Fernstudien, Lehrheft 12: Der Alltag des Autors

 

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